hubert blanz

La Valeur de la vie.
À la recherche des villes radieuses.
The Value of Life – In Search of Radiant Cities
Der Wert des Lebens – Auf der Suche nach den strahlenden Städten
Fotocollagen, Fine Art Print auf Dibond, entspiegeltes Glas gerahmt, Hubert Blanz, 2017-2020 & Fotoanimierte Audio-/Videoinstallation, 9:16 Format, aktuell in Arbeit


Der HAUPTTITEL La Valeur de la vie / Der Wert des Lebens bezieht sich auf die schlossartigen Sozialwohnanlagen in und um Paris von Ricardo Bofill. Beim Großsiedlungsprojekt in Noissy-le-Grand mit Le Théâtre, Le Palacio und Les Espaces d’Abraxas sollten antikisierende Tempelfront- und Triumphbogenmotive die Wohnanlage zu einem „Versailles für das Volk“ machen. Der Bildband Visions of Architecture über die Paläste des sozialen Wohnungsbaus von Ricardo Bofill zeigt die Sehnsucht nach der ältesten Utopie der Architektur – dass das richtige Bauen das Leben der Menschen zum Besseren verändern kann.

Der NEBENTITEL À la recherche des villes radieuses / Auf der Suche nach den strahlenden Städten ist eine Anlehnung an den siebenteiligen Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit / À la recherche du temps perdu von Marcel Proust, 1913 – 1927.
La Ville Radieuse (Die strahlende Stadt) ist ein unrealisierter städtebaulicher Masterplan von Le Corbusier. Er wurde entworfen, um wirksame Transportmittel sowie eine Fülle von Grünflächen und Sonnenlicht zu entfalten. Die Stadt der Zukunft von Le Corbusier würde den Bewohnern nicht nur einen besseren Lebensstil bieten, sondern auch zur Schaffung einer besseren Gesellschaft beitragen.


Projektbeschreibung

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die Mitte der 1960er Jahre geplante urbane Erweiterung von Paris. Der Plan war, dass die Villes Nouvelles unabhängig von Paris sein sollten, das Projekt scheiterte jedoch zum Teil. Die neu gebauten Städte sollten den damals prognostizierten Bevölkerungswachstum von Paris auffangen. Ein Richtlinienplan von1965 sah acht, in etwa 30 km Entfernung von der Hauptstadt gelegene, Villes Nouvelles mit je 500.000 Einwohnern vor. Als Vorbild für die Ville Nouvelles dienten die englischen New Towns, jedoch wurde in Paris in wesentlich größeren Dimensionen geplant. Von diesen wurden in der Folge fünf realisiert.

Große Wohnkomplexe galten bereits in den 50ern als Lösungsansatz für den Bevölkerungszuwachs, an Standorten in der Peripherie, ohne Einbindung in den öffentlichen Nahverkehr. Als Grand Ensembles, oder auch Grands Batiments bezeichnet man die Großwohnanlagen am Rand französischer Städte. Sie können aus bis zu mehreren tausend Wohneinheiten bestehen. Die Grundidee der Grand Ensembles mit Trennung der Daseinsfunktion, also Wohnen, Arbeiten, Versorgen und Freizeit wurde bis in die 80er Jahre hinein angewendet und war erst mit der Massenmotorisierung möglich.
Alle neuen Wohnungen waren im Vergleich zu den älteren in den Stadtkernen mit eigenem Bad und WC ausgestattet. Jedoch die Funktionstrennung und der schnellere Verfall der Gebäude und die damit zusammenhängenden sozialen Auswirkungen waren große Kritikpunkte.

Die Grand Ensembles waren als reine Schlafstädte konzipiert worden und fast jede Infrastruktureinrichtung von vornherein ausgeklammert. Für die Bewohner ergaben sich große Wege, die zurückgelegt werden mussten. Autobahnanschlüsse und die Infrastruktur von Bahnlinien in die Vororte sind bis heute oftmals mangelhaft. Die Vorstädte blieben ökonomisch abhängig, es gab kaum Kinos, Cafés oder Restaurants, gleichzeitig lagen sie zu fern der Stadtzentren, um nach einem anstrengenden Arbeitstag noch dorthin auszugehen. Schnell wurde die Verödung des sozialen Lebens in den Schlafstädten beklagt. Sie wurden zu „sensiblen urbanen Zonen“.

Schon um 1960 stellte man fest, dass in den gewaltigen Wohnblöcken, mit bis zu 700 Wohnungen und 400 Metern Länge, die Jugendkriminalität deutlich anstieg. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, konzipierte die staatliche Planung zwar schon ab 1965 die Villes Nouvelles als eigenständige Städte, die genau das komplexe soziale Leben haben sollten, das den Siedlungen der ersten Generation fehlte. Die Grundidee der Villes Nouvelles, die von den New Towns übernommen wurde, ist das Prinzip der Funktionsmischung. Sie sollten alle vier Daseinsgrundfunktionen, Wohnen, Arbeiten, Versorgen und Freizeit, befriedigen.

Der Architekt Emile Alliaud schwärmte nun, hier die „Städte des Glücks“ zu bauen, und er war fest davon überzeugt, mit gewundenen Formen „die Mentalität der Leute“ positiv beeinflussen zu können. Doch die von ihm geplante Megasiedlung La Grande Borne wurde wenige Jahre später zum abschreckenden Beispiel einer Großsiedlung, in der sich Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit ballten.

Tatsächlich entwickelten sich die Villes Nouvelles zu nur noch größeren Ghettos. Der niedrigen Mieten wegen und weil sie in den „weißen“ Innenstadtbezirken keine Wohnung bekamen, sammelten sich hier zudem die farbigen Migranten aus den einstigen Kolonien. Zur städtebaulichen kam die soziale Teilung der Stadtgesellschaft.

2012 lebten alleine in den 5 Villes Nouvelles im Großraum Paris über 880.000 Menschen. In den 1970er und 1980er Jahren erhob sich auch das Bedürfnis nach interessanterer architektonischer Gestaltung und vermehrter Bürgermitbestimmung, was in den neuen Stadtteilen in der Folge zur Errichtung zahlreicher postmoderner Bauten mit Wahrzeichen-Charakter führte. In den 80er Jahren wurden einige der neuen Viertel von Stararchitekten entwickelt, so etwa Les Espaces d‘Abraxas von Ricardo Bofill oder die Arènes Picasso von Manolo Nunez.
Die Postmoderne ist eine Architektur der Erinnerung. Sie sieht Tradition nicht als etwas, das überwunden werden muss – so wie es in der Moderne geschah – sondern betrachtet sie als Sammlung von Möglichkeiten, derer sie sich bedient. Kennzeichnend ist der ironisch und spielerische Umgang mit historischen Bauformen und -typen – häufig im Stilmix („Collagearchitektur“). Die Postmoderne versucht, eine Gegenposition zur klassischen, funktionalistisch orientierten Moderne der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jht. zu beziehen. Grundsätzlich gilt nicht form follows function (der Leitsatz des modernistischen Designs), sondern form follows fiction. Das Baukonzept wie auch die Fassade wird zum Bedeutungsträger des Gebäudes und bewirkt, dass postmoderne Bauwerke Geschichten erzählen. Das wird durch die Verwendung von Schmuck, Ornamenten, Symbolen oder Zeichen erreicht.

Der Architekt Ricardo Bofill, gilt gerade durch die Vermischung anderer Strömungen und Architekturstile, als Vater der Postmoderne. Mit der tollkühnen Wohnutopie Walden 7 in einem Vorort von Barcelona, spiegelt sich auch seine Bewunderung für die arabische Städtebaukultur wieder. 1971 eröffnete er eine Niederlassung in Paris, wo er in den siebziger und achtziger Jahren Vorortsiedlungen der Pariser Peripherie mit postmodernen Säulen und halbkreisförmigen Barockbauten entwickelte.

Im Verlauf meiner Recherche zu den Großwohnsiedlungen der überwiegend postmodernen Architektur in Paris, den Banlieues und den Ville Nouvelles, bin ich ebenfalls auf Strategien, Pläne und Bildmaterial aufmerksam geworden, welche meine Vorstellung und die Herangehensweise bei der Fotomontage widerspiegeln. Viele Bildbeispiele beinhalten die Idee der Postmoderne durch die Vermischung der Stile, das Zurückgreifen auf historische Elemente und das Ornamentale, erzeugt durch Wiederholung und Spiegelung.

Gerade was die utopische Vorstellung betrifft, besteht zwischen postmoderner Architektur und der Idee des Science Fiction eine gewisse Analogie. Daher stammt auch der Gedanke, die geplante Fotoanimation im Genre des Science Fiction zu gestalten. Meine Reise zu den vielen Wohnkomplexen soll folglich auch etwas Erzählerisches beinhalten. Eine Geschichte, die nicht nur die sozialen Brennpunkte beleuchtet, sonder auch in phantastische Welten entführt und möglicherweise auch einen Blick in die „vergangene“ Zukunft wirft.


Fotografische Recherche

Als Vorlage für die Realisation der geplanten Animation habe ich nur ganz bestimmte Gebäudekomplexe in Paris, in den Banlieues und in den Ville Nouvelles, ausgesucht. Nach intensiver Recherche in Büchern, Internet und Archiven, wurden diese schließlich an Ort und Stelle besichtigt und fotografisch dokumentiert.

Der Fokus ist hauptsächlich auf große Wohnkomplexe mit modernistischer (im speziellen Brutalismus & Strukturalismus) und überwiegend postmoderner Architektur gerichtet. Beginnend ab 1956, mit Schwerpunkt auf die 80er Jahre, bis hin zu ein paar aktuellen Bauwerken, mit Tendenz zur Postmoderne. Teilweise sind auch Schulen, Museen, Postgebäude, Hotels, Bürokomplexe, zwei Stadien, eine Kirche und die neue Philharmonie vertreten. In diesen Fällen, war ich vorwiegend am postmodernen Entwurf, an einzelnen Elementen oder der ornamentalen Fassadengestaltung interessiert.

Oftmals sind auch Innenraumgestaltung, keramische Wandplastik und Oberflächengestaltung, in das Gebäude integrierte Wasserbecken und die rückseitige Fassade vom Garten aus, in meine fotografische Dokumentation mit einbezogen worden.

Die Art und Weise der fotografischen Darstellung ist dabei vielfach schon sehr gezielt in Richtung der Fotocollagen und der geplanten Animation ausgeführt worden. So gibt es beispielsweise auch viele Abbildungen, die mit dem Blick nach Oben entstanden sind. In einigen Fotos sind auch dekorative Details der Fassade im Blickpunkt, sie eignen sich gut als Vorlage für großformatige ornamentale Bildmontagen. Eine langsame Kamerafahrt soll dann in diese Collage hineinführen. Auch einzeln abgebildete Fenster könnten filmisch durchflogen werden und in eine andere Bildwelt führen.

Geplant ist die Entwicklung von gerahmten Fotoarbeiten in unterschiedlichen Größen, sowie einer mehrteiligen Fotoanimation im vertikal ausgerichteten 9:16 Format. Der Sound dazu, könnte mit Stimmen, Textfragmenten und Samples eines Science-Fiction-Romans oder Films kreiert werden.
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